Start-Up-Exodus 2026: Londons und Amsterdams Sogkraft

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Deutschland verliert gerade seine stärksten Gründer. Nicht an die USA, nicht an Asien, sondern an zwei europäische Städte, die keine 1.500 Kilometer entfernt liegen: London und Amsterdam.

Wer heute mit ambitionierten deutschen Gründerteams spricht, hört dieselben Sätze immer wieder: zu viel Bürokratie, zu wenig Wachstumskapital, zu geringe Signalwirkung für internationale Talente.

Eine Gruppe junger Gründer verlässt ein Bürogebäude mit deutschen Symbolen im Hintergrund, während im Hintergrund die Wahrzeichen von London und Amsterdam sichtbar sind.

Laut einer Bitkom-Umfrage würde nur noch die Hälfte aller deutschen Gründer ihr Unternehmen rückblickend wieder in Deutschland aufbauen. 20 Prozent würden sich für ein anderes EU-Land entscheiden.

Die Zahlen zeigen ziemlich klar: Das Problem ist real und wird nicht kleiner.

Wer einmal erlebt hat, wie schnell ein Investor in London ein Term Sheet auf den Tisch legt oder wie unkompliziert man in Amsterdam eine Firma gründet, versteht den Reiz sofort. Der Unterschied zu deutschen Prozessen fühlt sich dann nicht mehr wie ein kleiner Nachteil an, sondern wie ein echter Wettbewerbsnachteil.

Warum der Standortwechsel gerade jetzt an Tempo gewinnt

Junge Unternehmerinnen und Unternehmer in einem modernen Büro, die ihre Sachen packen und Pläne besprechen, mit Blick auf Stadtlandschaften von London und Amsterdam im Hintergrund.

Die Abwanderung ist nicht neu, aber sie nimmt Fahrt auf. Drei Faktoren kommen 2026 zusammen und erhöhen den Druck auf deutsche Gründer spürbar.

Makrodruck nach den Boomjahren

Die Boomjahre 2020 bis 2022 haben viele Schwächen des deutschen Ökosystems überdeckt. Kapital floss auch nach Deutschland, Bewertungen stiegen, Wachstum war leicht zu finanzieren.

Mit dem Zinsanstieg und der konjunkturellen Abkühlung änderte sich das Bild schlagartig. 37 Prozent der deutschen Start-ups berichten von einer Verschlechterung ihrer allgemeinen Lage.

Rund jedes elfte Unternehmen fürchtet innerhalb von zwölf Monaten eine Insolvenz. Wer in dieser Lage eine Series B oder C vorbereitet, merkt schnell, dass die ernsthaften Kapitalgeber selten in Frankfurt oder Berlin sitzen.

Neue Erwartungen von Kapitalgebern

Internationale Wachstumsinvestoren stellen heute andere Fragen als noch vor drei Jahren. Sie wollen wissen, ob der Hauptsitz in einem Rechtsraum liegt, der schnelle Eigenkapitalstrukturen ermöglicht und Talente anzieht.

In den USA fließen pro Kopf mehr als 700 Euro in Start-ups. In Großbritannien sind es fast 300 Euro, in Deutschland nicht einmal 90 Euro.

Dieser Abstand ist kein Randphänomen. Wachstumsstarke Teams in Deutschland kommen schlicht schwerer an das Kapital, das sie für die nächste Phase brauchen.

Internationalisierung früher als früher

Der Zeitpunkt, zu dem Gründer anfangen, international zu denken, hat sich deutlich nach vorne verschoben. Früher dachte man nach dem erfolgreichen deutschen Markt über Europa nach.

Heute starten viele Teams von Anfang an mit einem englischsprachigen Produkt und einem globalen Kundenmodell. Wer so denkt, fragt sich schnell: Welcher Standort sendet das richtige Signal?

Für viele lautet die ehrliche Antwort nicht Berlin, sondern London oder Amsterdam.

Was London für wachstumsstarke Teams attraktiver macht

Junge Fachleute arbeiten gemeinsam an einem Konferenztisch mit Blick auf die Londoner Skyline.

London hat mehr Einhörner hervorgebracht als Berlin, Paris und Tokio zusammen. Das ist kein Zufall.

Das Ökosystem in London ist über Jahrzehnte gewachsen und zeigt sich in drei ziemlich handfesten Vorteilen.

Dichte von Investoren und Entscheidern

In London kannst du an einem einzigen Tag mit Frühphasen-VCs, Growth-Investoren und Corporate-Venture-Armen sprechen, ohne die Stadt zu verlassen. Diese Dichte ist kaum zu überschätzen.

Entscheidungen fallen schneller, Term Sheets liegen schneller auf dem Tisch, und Gründer können ihre Zeit viel effizienter einsetzen.

In deutschen Städten sind die relevanten Kapitalquellen verteilt und die Entscheidungswege meist länger. Das kostet Zeit, die wachsende Teams schlicht nicht haben.

Zugang zu globalen Kunden

London ist für viele internationale Konzerne der europäische Hauptsitz. Als Gründer arbeitest du dort mit Entscheidern aus Finanz, Medien, Tech und Professional Services direkt vor Ort.

Erstkontakte entstehen schneller, Pilotprojekte werden unkomplizierter vereinbart. Der Weg vom ersten Gespräch zum ersten Enterprise-Vertrag ist in London oft deutlich kürzer als in den meisten deutschen Städten.

Signalwirkung für Talente und Partner

Wenn ihr euer Unternehmen nach London verlegt, verändert das, wie Bewerber und potenzielle Partner euch wahrnehmen. Top-Talente aus Europa, Indien oder den USA, die gezielt nach einem ambitionierten Scale-up suchen, denken bei Europa zuerst an London.

Diesen Signaleffekt kann man nicht einfach kaufen. Er entsteht, weil der Standort international bekannt und respektiert ist.

Für euer Recruiting ist das ein echter Vorteil gegenüber einem Hauptsitz in einer deutschen Mittelstadt.

Weshalb Amsterdam besonders für europäische Skalierung punktet

Amsterdam steht selten ganz oben auf der Liste, wenn Gründer über Standorte nachdenken. Trotzdem bietet die niederländische Hauptstadt in der Praxis oft mehr, gerade für Teams, die Europa als ersten Kernmarkt sehen.

Grenzüberschreitendes Geschäftsmodell im Alltag

Amsterdam liegt geografisch mitten in Westeuropa. Von dort aus erreichst du London, Paris, Berlin und Brüssel in wenigen Stunden.

Für Teams, die täglich mit Kunden und Partnern aus mehreren Ländern arbeiten, ist diese Lage kein Marketingargument, sondern ein echter Produktivitätsvorteil.

Die Stadt hat sich als europäischer Knotenpunkt für Sektoren wie FinTech, SaaS und Life Sciences etabliert. Seit die Europäische Arzneimittel-Agentur von London nach Amsterdam gezogen ist, hat sich auch der Life-Sciences-Cluster dort spürbar gestärkt.

Englisch als operative Standardsprache

In Amsterdam spricht man in der Unternehmenswelt fast ausschließlich Englisch. Das gilt für Behördenkontakte, Investorengespräche und den Alltag im Team.

Ihr müsst keine Ressourcen aufwenden, um Materialien zu übersetzen oder Prozesse sprachlich anzupassen. Für internationale Teams ist das ein unterschätzter Vorteil.

In Deutschland kostet die Sprachbarriere euren nicht deutschsprachigen Mitarbeitern und Partnern täglich Zeit und Energie.

Pragmatische Verwaltungsprozesse

Die niederländische Verwaltung ist nicht perfekt, aber sie ist deutlich schlanker als die deutsche. Eine Unternehmensgründung in den Niederlanden dauert oft nur wenige Tage.

Genehmigungen, Visa für internationale Fachkräfte und steuerliche Registrierungen gehen schneller. Für Gründer, die ihre Energie ins Produkt stecken wollen, macht das im Alltag einen spürbaren Unterschied.

Welche deutschen Standortnachteile im Gründeralltag durchschlagen

Deutsche Gründer sind nicht zimperlich. Wer ein Unternehmen aufbaut, kennt Rückschläge.

Was wirklich frustriert, sind Probleme, die hausgemacht sind und sich eigentlich mit politischem Willen lösen ließen.

Langsame Verfahren und hohe Komplexität

Eine GmbH-Gründung in Deutschland dauert mit Notar, Handelsregister und Bankprozessen Wochen. In anderen Ländern geht das in Tagen.

Dazu kommen laufende Verwaltungspflichten, die viel Aufmerksamkeit binden. Der „Dschungel aus Regeln“, wie Gründer selbst sagen, betrifft nicht nur die Gründungsphase.

Er zieht sich durch das gesamte Unternehmensleben. Jede Einstellung, jede Vertragsänderung, jeder Fördermittelantrag bringt neue Pflichten mit sich.

Mitarbeiterbeteiligung mit Reibungsverlusten

Employee Stock Options sind in Deutschland steuerlich und rechtlich immer noch mühsam. Im Vergleich zu britischen EMI-Optionen oder US-amerikanischen ISOs wirken deutsche Beteiligungsmodelle für internationale Talente wenig attraktiv.

Ihr könnt Top-Kandidaten, die einen Marktvergleich kennen, mit deutschen ESOP-Strukturen kaum überzeugen. In London oder Amsterdam sind die Modelle einfacher, schneller umzusetzen und für Bewerber klarer verständlich.

Schwächen beim Übergang von Seed zu Growth

Frühphasenkapital ist in Deutschland noch vergleichsweise gut verfügbar. Der Bruch kommt bei größeren Runden.

Wenn ihr eine Series B oder C über 30 oder 50 Millionen Euro anstrebt, seid ihr in Deutschland fast zwangsläufig auf ausländische Investoren angewiesen. Diese kommen, aber sie stellen dann oft dieselbe Frage: Warum sitzt ihr noch in Deutschland?

Der Druck, den Hauptsitz zu verlagern, kommt häufig nicht von euch selbst, sondern von euren Kapitalgebern.

Warum aus dem Umzug oft ein dauerhafter Abschied wird

Viele Gründer, die nach London oder Amsterdam ziehen, planen zunächst nur einen pragmatischen Schritt für die nächste Wachstumsphase. Was sie unterschätzen, ist, wie schnell und vollständig sich ihr Zentrum verlagert.

Verlagerung von Netzwerk und Vertrauen

Netzwerke entstehen durch physische Nähe. Nach drei Monaten in London kennt ihr die Investoren beim Vornamen, trefft andere Gründer beim Abendessen und landet plötzlich auf den richtigen Events.

Das deutsche Netzwerk verblasst nicht sofort, aber es wird passiver. Wenn ihr dann eine schwierige Entscheidung treffen müsst, wählt ihr die Menschen, denen ihr vertraut. Und die sitzen jetzt in London.

Kapitalstrukturen binden den Hauptsitz

Sobald ein britischer oder niederländischer Fonds investiert, bringt das oft Bedingungen für den Hauptsitz mit sich. Viele Wachstumsinvestoren bevorzugen oder fordern eine Holdingstruktur in ihrem eigenen Rechtsraum.

Das ist kein böser Wille, sondern schlicht pragmatisches Portfoliomanagement. Wenn eure Holdinggesellschaft einmal in London registriert ist und eure Kapitalstruktur darauf aufbaut, wird ein Rückzug nach Deutschland rechtlich und finanziell ziemlich aufwendig.

Management und Recruiting folgen dem neuen Zentrum

Euer erster Londoner Hire zieht meistens den zweiten mit. Euer VP Sales in Amsterdam kennt die besten Kandidaten in Amsterdam.

Sehr schnell entsteht am neuen Standort eine kritische Masse an Management und Team. Plötzlich definiert das den echten Schwerpunkt des Unternehmens.

Deutschland bleibt dann vielleicht als Entwicklungsstandort oder für den deutschen Vertrieb relevant. Aber mal ehrlich, das Herz des Unternehmens schlägt dann woanders.

Diesen Zustand lässt sich kaum rückgängig machen. Wer das versucht, sorgt für Unruhe im Team.

Was Deutschland ändern müsste, um wieder erste Wahl zu werden

Es gibt ehrliche Antworten auf diese Frage. Aber sie verlangen politischen Mut.

Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Die Umsetzung? Da hakt’s.

Schnellere Regeln für Gründung und Visa

Man sollte eine vollständig digitale Unternehmensgründung ohne Notartermin ermöglichen. In anderen Ländern klappt das längst, während Deutschland noch diskutiert.

Solange das fehlt, verliert Deutschland schon beim ersten Schritt. Es ist frustrierend, das mitanzusehen.

Ebenso wichtig: Ein schnelles, vorhersehbares Visumsverfahren für internationale Fachkräfte. Wer sechs Monate auf eine Arbeitsgenehmigung wartet, sucht sich halt einen anderen Standort.

Gründer berichten immer wieder, dass sie Talente an andere Länder verloren haben. Die deutschen Behörden waren einfach zu langsam.

Wettbewerbsfähige Anreize für Beteiligungsmodelle

Deutschland braucht dringend ein modernes ESOP-Modell, das international mithalten kann. Besteuerung erst bei Liquidität, keine Dry-Income-Situation für Mitarbeiter, und eine rechtliche Struktur, die auch Nicht-Juristen verstehen.

Ohne diese Schritte verliert ihr im Kampf um internationale Top-Talente. Wer zwischen einem Angebot aus London und München wählen kann, schaut sich die Beteiligungsstruktur sehr genau an.

Mehr Planungssicherheit für spätere Finanzierungsrunden

Deutschland braucht einen besseren Zugang zu institutionellem Kapital, gerade in den Wachstumsphasen. Pensionskassen, Versicherungen und staatliche Fonds benötigen dafür endlich einen klaren gesetzlichen Rahmen.

Nur so werden Investitionen in Wachstums-Start-ups wirklich möglich und attraktiv. Im Moment fließt das Kapital für große Runden meist aus dem Ausland.

Dadurch bleibt Deutschland abhängig von Investoren, die ihre eigenen Standortvorlieben durchsetzen. Das ist ein echtes Grundproblem.

Nur ein politisch gewollter Plan zur Kapitalmobilisierung kann das ändern.

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Maximilian Schröder
Maximilian Schröder

Technik- und Innovationsblogger. Er analysiert neue Entwicklungen in Künstlicher Intelligenz, Robotik und Smart Cities.