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Wasserstoff-Kernnetz: 537 Kilometer in Betrieb, erster Wasserstoff fließt zur Industrie
Zwei Jahre nach der Genehmigung durch die Bundesnetzagentur fließt erstmals Wasserstoff durch das deutsche Kernnetz. Wie der Verband der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB Gas) am Donnerstag mitteilte, sind inzwischen 537 Kilometer Wasserstoffleitungen in Betrieb; seit Sommer 2026 werden erste Industriekunden über das Netz beliefert. Mit einer geplanten Gesamtlänge von rund 9.040 Kilometern gilt das Kernnetz als das größte Wasserstoffnetzprojekt Europas. Die Bundesnetzagentur hatte den Aufbau des Netzes am 22. Oktober 2024 genehmigt. Zum zweiten Jahrestag dieses Beschlusses zogen die Fernleitungsnetzbetreiber nun eine Zwischenbilanz. Demnach wurden bereits im vergangenen Jahr mehr als 500 Kilometer Leitungen in Betriebsbereitschaft versetzt, davon 507 Kilometer durch die Umstellung bestehender Erdgasleitungen. Der größte Abschnitt ist nach Angaben des Verbands eine 400 Kilometer lange Trasse von Lubmin an der Ostsee über Brandenburg bis Bobbau in Sachsen-Anhalt, die der Netzbetreiber GASCADE im Dezember 2025 mit Wasserstoff befüllte. Bis Ende 2027 sollen weitere 900 Kilometer Leitung hinzukommen.
Erste Industriekunden im Realbetrieb
Nach Darstellung des FNB Gas funktionieren Erzeugung, Transport und Abnahme von Wasserstoff erstmals zusammen im Realbetrieb. In Lingen im Emsland produziert eine Elektrolyseanlage des Energieunternehmens RWE erneuerbaren Wasserstoff, der über Leitungen der Netzbetreiber Nowega und OGE sowie der Evonik-Tochter SYNEQT zum Chemiepark Marl gelangt. Parallel kann der ostdeutsche Netzbetreiber ONTRAS nach eigenen Angaben jährlich rund 2.700 Tonnen grünen Wasserstoff aus dem Energiepark Bad Lauchstädt zur TotalEnergies-Raffinerie in Leuna transportieren. Der Energiepark war im April 2025 über die erste Kernnetzleitung Ostdeutschlands an die Raffinerie angeschlossen worden. Damit ist erstmals die gesamte Kette von der Erzeugung über den Transport bis zur industriellen Abnahme im Regelbetrieb abgebildet. Für 2027 kündigte der Verband einen weiteren Schritt an: In Epe in Nordrhein-Westfalen soll der erste kommerzielle Wasserstoff-Kavernenspeicher Deutschlands in Betrieb gehen. Zur Anbindung an den europäischen Wasserstoff-Backbone hat die Gasunie mit dem Projekt Hyperlink nach Verbandsangaben bereits mehr als 170 Kilometer Wasserstoffleitungen durch Umstellungsmaßnahmen realisiert. Ziel ist es, das deutsche Kernnetz eng an die grenzüberschreitenden Korridore anzuschließen, über die künftig auch importierter Wasserstoff ins Land gelangen soll. Der Aufbau erfolgt überwiegend dezentral durch die einzelnen Fernleitungsnetzbetreiber, die ihre jeweiligen Abschnitte planen, umstellen oder neu verlegen. Die Bundesnetzagentur hatte bei der Genehmigung im Oktober 2024 zugleich den Rahmen für die Finanzierung gesetzt: Die Kosten werden über Netzentgelte refinanziert, die erst mit zunehmender Auslastung des Netzes ansteigen. Dieses als Amortisationskonto ausgestaltete Modell soll verhindern, dass die wenigen ersten Nutzer die vollen Kosten des Ausbaus tragen müssen.
Kapazitätsreservierungen doppelt so hoch wie im Mai
Seit dem 19. März 2026 können Marktteilnehmer verbindlich Ein- und Ausspeisekapazitäten im Kernnetz reservieren. Nach Angaben des FNB Gas wurden bis zum letzten Stichtag Kapazitäten von knapp 6 Gigawatt zahlungspflichtig gebucht — doppelt so viel wie noch im Mai 2026. Verbandsgeschäftsführerin Barbara Fischer sagte, die Netzbetreiber hätten geliefert: Die ersten Leitungen lägen, und die Industrie reserviere Transportkapazitäten. Zugleich brauche jede weitere Leitung Abnehmer und jeder neue Kunde ausreichend Wasserstoff. Nur wenn Angebot und Nachfrage weiterwüchsen, werde das gesamte Kernnetz ein Erfolg. Dazu seien verlässliche Finanzierungsbedingungen nötig, die finale Investitionsentscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglichten. Fischer nannte in diesem Zusammenhang die Fortführung und Ausweitung der Klimaschutzverträge ebenso wie die finanzielle Absicherung der Importkorridore und Finanzierungsbedingungen für das Kernnetz, die die hochlaufbedingten Risiken der Netzbetreiber angemessen berücksichtigten. FNB-Gas-Vorstandsvorsitzender Matthias Jenn erklärte, das Kernnetz zeige, dass Deutschland große Transformationsprojekte meistern könne. Jeder Kilometer Wasserstoffleitung, jeder Elektrolyseur und jedes Industrieunternehmen, das auf Wasserstoff umsteige, stärke die regionale Wertschöpfung und den Standort Deutschland. Bei einem erfolgreichen Hochlauf würden wichtige Industrien in einigen Jahren dekarbonisiert; zudem werde das Land unabhängiger von einzelnen Staaten, aus denen es Energie importiere.
Regulatorik und Ausblick
Den regulatorischen Rahmen für die Nutzung des Netzes hat die Bundesnetzagentur in den vergangenen zwei Jahren mit mehreren Festlegungen geschaffen. Mit den Beschlüssen WANDA und KOSMO (Juni 2024 beziehungsweise Dezember 2025) wurde das Netzentgeltsystem bestimmt, mit WaKandA und WasABi (beide Oktober 2025) das künftige Netzzugangs- und Bilanzierungsmodell. Die vollständige Anwendung der beiden letztgenannten Regelwerke ist zum 1. Januar 2028 vorgesehen. Für das Jahr 2025 hat die Bundesnetzagentur Mitte Juli ein Hochlaufentgelt von 25 Euro je Kilowattstunde Wasserstoffkapazität pro Stunde und Jahr festgesetzt; die Kooperationsvereinbarung für Wasserstoff wird derzeit von den beteiligten Verbänden erarbeitet. Rund 60 Prozent des genehmigten Kernnetzes gehen auf die Umstellung vorhandener Erdgasleitungen zurück, der Rest wird neu gebaut — ein Ansatz, der Kosten und Bauzeit gegenüber einem kompletten Neubau senken soll. Für die Zeit nach dem Kernnetz liegt bereits eine Planungsgrundlage vor: Der zweite Entwurf des ersten integrierten Netzentwicklungsplans für Gas und Wasserstoff (NEP 2025) sieht bis zum Jahr 2037 ein Wasserstofftransportnetz von 9.241 Kilometern vor. Darin enthalten sind 291 Kilometer neue Maßnahmen, die über das Kernnetz hinausgehen. Mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 24 Milliarden Euro sollen bis 2037 Produktionsstandorte, Häfen, Speicher und Industriezentren in allen Bundesländern verbunden werden. Wie in der Strom- und Gasnetzplanung sollen die Ausbaupläne nach Angaben des Verbands fortlaufend an die Marktbedingungen und Bedarfsszenarien angepasst werden.
Quellen:
- FNB Gas: Zwei Jahre Wasserstoff-Kernnetz: Aus dem Plan entsteht ein Netz (Pressemitteilung, 22. Oktober 2026) — https://fnb-gas.de/news/zwei-jahre-wasserstoff-kernnetz_aus-dem-plan-entsteht-ein-netz/
- Bundesnetzagentur: Wasserstoff-Kernnetz — https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Wasserstoff/Kernnetz/start.html
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: Start für Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes — https://energiewende.bundeswirtschaftsministerium.de/EWD/Redaktion/Newsletter/2024/10/Meldung/News1.html



