Souveräne Cloud in Europa: CADA, Gaia-X und die Antwort der Hyperscaler

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Die Europäische Kommission hat im Juni 2026 mit dem Cloud and AI Development Act (CADA) ein Gesetzespaket vorgelegt, das die Rechenzentrums-Kapazität der EU innerhalb der kommenden Jahre mindestens verdreifachen soll. Gleichzeitig meldet die Gaia-X European Association for Data and Cloud AISBL wachsenden Zulauf für ihr föderiertes Dateninfrastruktur-Projekt, und in Brandenburg ist Ende 2025 die erste europäische Sovereign Cloud eines US-Hyperscalers in den Regelbetrieb gegangen. Nach Jahren der Debatte um digitale Souveränität verdichten sich die Anzeichen, dass Europa seine Cloud-Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern Schritt für Schritt reduzieren will – getrieben gleichermaßen von Regulierung, öffentlichen Investitionen und einer nachfragenden Wirtschaft.

Die Ausgangslage ist seit Jahren unverändert: Den überwiegenden Teil des europäischen Cloud-Markts teilen sich drei US-amerikanische Anbieter. Unabhängige Marktbeobachter beziffern ihren gemeinsamen Anteil seit längerem auf deutlich mehr als die Hälfte des Gesamtmarkts. Diese Konzentration gilt in Brüssel, Berlin und Paris inzwischen als strategisches Risiko – insbesondere für Behörden, kritische Infrastrukturen und Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten. Die rechtlichen Spannungen zwischen europäischem Datenschutzrecht und US-amerikanischen Zugriffsgesetzen wie dem Cloud Act haben diese Einschätzung in den vergangenen Jahren eher verstärkt als abgeschwächt.

CADA: Brüssel setzt auf Kapazität und gemeinsame Standards

Der Cloud and AI Development Act, dessen Vorschlag die Kommission im Juni 2026 angenommen hat, verfolgt nach Angaben der Europäischen Kommission zwei Ziele: Erstens soll die Rechenzentrums-Kapazität der EU mindestens verdreifacht werden, um der Nachfrage nach KI-Trainings- und Inferenzleistung gerecht zu werden. Zweitens sieht der Entwurf Maßnahmen vor, mit denen die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit neuer Rechenzentren verbessert werden sollen. Der Gesetzgebungsprozess im Europäischen Parlament und im Rat läuft derzeit; Beobachter rechnen frühestens 2027 mit einer finalen Verabschiedung.

Parallel arbeitet die Kommission an einem eigenen EU-Wirtschaftsraum für Cloud-Dienste. Das Ziel: Öffentliche Auftraggeber sollen künftig verstärkt europäische Angebote berücksichtigen können, ohne gegen Vergaberecht zu verstoßen. Wirtschaftsverbände begrüßen die Initiative grundsätzlich, warnen aber vor einer Zertifizierungsbürokratie, die kleinere Anbieter faktisch ausschließen könnte. Die Kritik ist nicht neu – sie begleitet auch das älteste der europäischen Souveränitätsprojekte.

Gaia-X: Vom Politprojekt zur betriebenen Infrastruktur

Gaia-X, 2019 von Deutschland und Frankreich initiiert, versteht sich inzwischen weniger als Cloud-Anbieter denn als Regelwerk: Die Gaia-X AISBL mit Sitz in Brüssel definiert Standards, nach denen sich Cloud- und Datendienste zu föderierten, interoperablen Angeboten verbinden lassen. Anbieter behalten ihre eigenen Infrastrukturen, verpflichten sich aber auf gemeinsame Transparenz-, Portabilitäts- und Compliance-Kriterien. Nach Darstellung des Vereins sind mittlerweile mehrere hundert Organisationen Mitglied, darunter Industriekonzerne, Mittelständler, Forschungseinrichtungen und öffentliche Stellen.

In Deutschland koordiniert das Bundeswirtschaftsministerium das nationale Gaia-X-Ökosystem. Konkrete Anwendungen entstehen vor allem in Datenräumen für Industrie, Mobilität und Gesundheitswesen – etwa in Projekten, in denen Unternehmen Lieferketten- oder Maschinendaten austauschen, ohne die Hoheit über diese Daten an einen einzelnen Plattformbetreiber abzugeben. Kritiker bemängeln allerdings weiterhin, dass die praktische Verbreitung hinter den ursprünglichen Ankündigungen zurückbleibe und viele Unternehmen Gaia-X allenfalls als Zertifizierungsrahmen, nicht als echte Alternative zu den Hyperscalern wahrnehmen.

Der nächste Gaia-X Summit ist für den 19. und 20. November 2026 in Wien angekündigt, ausgerichtet vom Gaia-X Hub Austria. Dort soll nach Angaben des Veranstalters über den weiteren Ausbau der föderierten Dateninfrastruktur in Europa beraten werden.

Hyperscaler passen sich an – und der Markt bewegt sich

Bemerkenswert ist die Reaktion der großen US-Anbieter: Statt den europäischen Markt den lokalen Wettbewerbern zu überlassen, bauen sie eigene souveräne Angebote auf. AWS hat seine European Sovereign Cloud Ende 2025 in Brandenburg in Betrieb genommen – ein von der globalen Infrastruktur technisch und organisatorisch getrennter Verbund, der nach Unternehmensangaben ausschließlich von in der EU ansässigem Personal betrieben wird und unter eine eigene europäische Gesellschaftsstruktur fällt. AWS hat angekündigt, die Präsenz dieser Sovereign Cloud von Deutschland aus EU-weit auszuweiten.

Damit konkurrieren die Hyperscaler nun auf einem Feld, das eigentlich den europäischen Anbietern vorbehalten schien. Eine aktuelle Erhebung unter CIOs und IT-Verantwortlichen in Westeuropa, auf die sich Broadcom in einer aktuellen Analyse beruft, zeigt allerdings: 60 Prozent der Befragten wollen ihren Einsatz lokaler Cloud-Anbieter erhöhen. Der Markt für souveräne Cloud-Dienste dürfte damit weiter wachsen – unabhängig davon, ob die Nachfrage am Ende von europäischen Anbietern oder von angepassten Angeboten der US-Konzerne bedient wird.

Für deutsche Unternehmen, die künftig Cloud-Strategien festlegen, ergibt sich daraus eine pragmatische Lage: Die Auswahl an Angeboten mit europäischem Souveränitätsanspruch ist so groß wie nie zuvor. Die eigentliche Prüfung – welche Lösung den eigenen Compliance-, Kosten- und Migrationsanforderungen gerecht wird – bleibt den Nutzern überlassen. Die regulatorische Richtung ist mit CADA und den laufenden Gaia-X-Arbeiten allerdings eindeutig: Brüssel will, dass die Entscheidung für europäische Infrastruktur künftig leichter fällt als bisher.

Auch auf Landesebene nimmt die Aktivität zu. Mehrere Bundesländer haben in den vergangenen Monaten Ausschreibungen für Verwaltungs-Clouds gestartet, in denen europäische Souveränitätskriterien ausdrücklich als Bewertungsmaßstab genannt werden. Das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) weist in seinen Analysen seit längerem darauf hin, dass öffentliche Verwaltungen bei Cloud-Vorhaben zunehmend zwischen unterschiedlichen Sensitivitätsstufen ihrer Daten differenzieren – ein Ansatz, der Multi-Cloud-Strategien mit einer Mischung aus europäischen und internationalen Anbietern begünstigt. Für Mittelständler ohne eigene Rechtsabteilung bleibt die Lage indes komplex: Die Branchenverbände raten dazu, Cloud-Entscheidungen nicht allein an Zertifikaten festzumachen, sondern Datenklassifizierung und Exit-Strategien von Anfang an mitzuplanen.

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