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Geothermie-Ausbau in Deutschland: 45 Anlagen in Betrieb, Projektliste wächst auf über 170 Vorhaben
Die tiefe Geothermie in Deutschland gewinnt weiter an Tempo. Nach Angaben des Bundesverbandes Geothermie sind derzeit 45 Anlagen mit einer Bohrtiefe von mehr als 400 Metern in Betrieb, darunter 43 Heizwerke, zwölf Kraftwerke und zehn Heizkraftwerke, die sowohl Wärme als auch Strom liefern. Gleichzeitig wächst die Zahl der Vorhaben in der Pipeline deutlich: Nach der aktuellen Projektlandkarte des Verbandes befinden sich 18 Anlagen im Bau und 178 weitere in der Planungsphase.
Das geht aus der im Oktober 2026 aktualisierten Übersicht „Tiefe Geothermieprojekte in Deutschland“ hervor, die der Bundesverband Geothermie auf seiner Fachplattform veröffentlicht hat. Demnach stieg die Zahl der Anlagen im Bau gegenüber dem Vorjahr um zwei. Der Verband spricht von einer „Ausbaudynamik“, die sich vor allem im Bereich der geplanten Projekte zeige. Insgesamt seien mittlerweile über 150 Projekte mit einer potenziellen Gesamtleistung von bis zu zwei Gigawatt erfasst.
Zum Vergleich: Noch vor wenigen Jahren galt die tiefe Geothermie in Deutschland als Nischentechnologie mit einem Dutzend nennenswerter Standorte. Die nun veröffentlichten Zahlen zeigen nach Einschätzung des Verbandes, dass sich die Technologie vom Einzelprojekt zur seriellen Planungsgröße entwickelt. Besonders deutlich werde das an der Zahl der Aufsuchungserlaubnisse, die sich in den vergangenen zwei Jahren nahezu verdoppelt habe.
Wärmenetzpaket soll Investitionen erleichtern
Den politischen Rahmen für den weiteren Ausbau liefert unter anderem das Wärmenetzpaket der Bundesregierung. Wie der Energieversorger EnBW auf seiner Themenseite zur Geothermie mitteilt, hat das Bundeskabinett im August 2026 Eckpunkte beschlossen, mit denen Investitionen in Wärmenetze und damit verbundene Erzeugungsanlagen leichter werden sollen. Der Bundesverband Geothermie bezeichnet die politische Weichenstellung als „jetzt entscheidend“ und verweist darauf, dass Planungssicherheit der entscheidende Faktor für Kommunen und Stadtwerke sei.
Hintergrund ist die Rolle der tiefen Geothermie in der Wärmewende: Erdwärme aus Tiefen von mehreren tausend Metern kann ganzjährig und wetterunabhängig Wärme für Nah- und Fernwärmenetze liefern. Nach Darstellung des Verbandes eignet sich die Technologie insbesondere für Kommunen und Stadtwerke, die ihre Wärmeversorgung von fossilen Brennstoffen lösen wollen. Als Vorteil gilt zudem die geringe Flächeninanspruchnahme der Anlagen im Vergleich zu anderen erneuerbaren Erzeugungsformen.
Bayern und Oberrheingraben als Schwerpunkte
Räumlich konzentriert sich der Ausbau nach wie vor auf zwei Regionen: das bayerische Molassebecken im Süden und den Oberrheingraben im Südwesten. Dort liegen die geologischen Voraussetzungen für hydrothermale Projekte vor, bei denen heißes Tiefenwasser direkt gefördert wird. Die EnBW, die selbst Geothermieprojekte betreibt, nennt auf ihrer Website Potenziale und Kosten als zentrale Themen: Die Erschließung sei mit hohen Anfangsinvestitionen und einem Explorationsrisiko verbunden, die laufenden Betriebskosten dagegen vergleichsweise niedrig.
Im Oberrheingraben entsteht zudem eine Verbindung aus Energiegewinnung und Rohstoffproduktion. Das Unternehmen Vulcan Energy baut dort nach eigenen Angaben ein integriertes Vorhaben, das aus geothermischer Sole sowohl erneuerbare Energie als auch Lithium für Batterien gewinnen soll. Die Europäische Investitionsbank hat dem Vorhaben im Dezember 2025 eine Finanzierung von 250 Millionen Euro zugesagt; das Gesamtprojekt hat nach Angaben der Bank ein Volumen von rund zwei Milliarden Euro. In seinem Quartalsbericht für den Zeitraum bis Ende März 2026 teilte das Unternehmen mit, die kombinierte Anlage zur Geothermie- und Lithiumgewinnung sei für die Produktion von erneuerbarer Energie und Lithium in Batteriequalität ausgelegt; Zentrum des ersten Projektgebiets sei der Standort Insheim in Rheinland-Pfalz.
Auch jenseits der klassischen Regionen wird an neuen Konzepten geforscht. Beim Geothermiekongress 2026 in Potsdam, der vom 20. bis 22. Oktober stattgefunden hat, standen nach Angaben des Bundesverbandes Erneuerbare Energie unter anderem Verfahren auf dem Programm, die Erdwärme unabhängig von natürlichen Thermalwasservorkommen erschließen sollen. Mehr als 300 Beiträge in 28 Fachforen und 14 Workshops sowie eine Posterausstellung gaben nach Verbandsangaben Einblicke in den aktuellen Forschungsstand.
Hemmnisse: Genehmigungen und Fachkräfte
Ob das Wachstum der Projektliste in tatsächlich gebaute Anlagen übersetzt wird, hängt nach Einschätzung des Bundesverbandes Geothermie maßgeblich von Genehmigungsverfahren, Finanzierungsbedingungen und Fachkräften ab. Die Zahl der Aufsuchungserlaubnisse sei zwar stark gestiegen, doch bis aus einer Erlaubnis ein Bohrprojekt werde, vergingen in der Regel mehrere Jahre. Der Verband fordert daher beschleunigte Verfahren und verlässliche Förderrahmen, damit die in der Landkarte erfasste Dynamik nicht in der Planungsphase stecken bleibe.
Hinzu kommt das Explorationsrisiko: Ob eine Bohrung in der geplanten Tiefe auf ausreichend heißes Wasser stößt, lässt sich vorab nur begrenzt absichern. Versicherungsmodelle und staatliche Absicherungsinstrumente sollen dieses Risiko nach Darstellung der Branche für Projektentwickler kalkulierbar machen. Die EnBW weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die hohen Anfangsinvestitionen über die Laufzeit einer Anlage von mehreren Jahrzehnten amortisieren könnten.
Mit 45 Anlagen in Betrieb, 18 im Bau und 178 in Planung steht die tiefe Geothermie in Deutschland nach Verbandsangaben an einem Wendepunkt: Erstmals übersteigt die Zahl der geplanten Projekte die der bestehenden Anlagen um ein Vielfaches. Ob daraus ein dauerhafter Ausbau der Wärmeversorgung wird, entscheidet sich nach Einschätzung der Branche in den kommenden zwei bis drei Jahren.
Quellen
- Bundesverband Geothermie: Geothermie in Zahlen (Stand Juni 2026)
- Bundesverband Geothermie: Projektlandkarte zeigt Erdwärmeausbaudynamik (Oktober 2026)
- TiefeGeothermie.de: Über 150 Geothermie-Projekte mit bis zu zwei Gigawatt
- Europäische Investitionsbank: 250 Mio. Euro für Vulcan-Energy-Lithiumprojekt (Dezember 2025)
- Vulcan Energy: Quarterly Activities Report Q1 2026



